Somi ist eine Frohnatur. Freundlich, zuversichtlich, hilfsbereit. 40 Jahre alt, Mutter eines Sohnes, Lernende im dritten Lehrjahr. Die Ausbildung zur Fachfrau Betreuung, Fachrichtung Kinder, will sie im Sommer abschliessen. «Ich kann das schaffen», sagt sie. Weil sie das will. Und weil Alma sich das so sehr gewünscht hatte.
Alma lebt nicht mehr. Aber Alma ist in Somis Leben sehr präsent. «Wenn ich sehr glücklich oder sehr traurig bin, besuche ich sie auf dem Friedhof», erzählt Somi. Und Alma ist auf ihrem WhatsApp-Profilbild. Damit sie sie jederzeit sieht.
Somis Geschichte ist mit viel Leid verbunden. «Ich nehme nie den geraden Weg, es gibt immer Ecken und Abzweigungen», sagt sie. Mit ihrem Ehemann ist sie in die Schweiz geflüchtet, die Ehe war eine Katastrophe, geprägt von Konflikten. Das wollte sie ihrem damals noch kleinen Sohn nicht mehr zumuten, reiste zurück in den Iran. Dort geriet sie in die Fänge der Polizei, flüchtete erneut in die Schweiz, beantragte Asyl. Und wurde abgelehnt.
Doch sie gab nicht auf. Sie kam zu HelloWelcome. «Jeden Tag war ich da, verbesserte mein Deutsch, kochte, putzte, nähte, lernte Menschen kennen.» Menschen wie Alma. Sie war Freiwillige, Unterstützerin und Ideenlieferantin bei HelloWelcome. «Alma war eine Frau mit einem megagrossen Herz», sagt Somi, ihre Augen füllen sich mit Tränen. «Ich vermisse sie sehr.»
Als Somi von ihrer Unterkunft in der Stadt aufs Land umziehen sollte, suchte sie ein Zimmer. Alma hatte kurz davor ihren Mann verloren und eine neue Wohnung bezogen. Ein Zimmer war frei. Somi fragte, ob sie vorübergehend einziehen dürfe. Die beiden Frauen vereinbarten eine Probezeit. Und Somi wurde sehr rasch zu Almas vierter Tochter, akzeptiert und geliebt von der gesamten Familie. «Auch ich liebe meine drei Schwestern sehr», sagt sie. «Alma hat mir eine Schweizer Familie geschenkt».
Zu dieser Familie gehört sie heute noch. Almas Töchter bezeichnen sie als «unsere kleine Schwester», helfen, wenn es nötig ist. «Janina zahlt sogar mein Fitness-Abo, weil sie weiss, dass es für meine Gesundheit wichtig ist, dass ich es mir aber nicht leisten kann.»
Und natürlich gehören auch Taymas, der inzwischen 19jährige Sohn von Somi, und dessen Freundin zur Familie.
Was Somi unbedingt noch sagen möchte? «Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Frauen nichts zählen, keine Rechte und oft auch kein Selbstvertrauen haben. Ich möchte allen Frauen sagen: Wenn ihr etwas wirklich wollt, schafft ihr das. Und: Für ein gutes Leben braucht ihr nicht unbedingt einen Ehemann.»
Manchmal, wenn Somi spricht, glaubt man Alma zu hören. Alma, die Unabhängige, Engagierte, Lebensfrohe. Alma, die Somi aufgenommen und geprägt hat. Und die von ihr umsorgt worden ist.
Sanayeh «Somi» Porkar, Iran

