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«Jetzt bin ich Schweizerin. Jetzt bin ich in Sicherheit!»

Sajdeh leidet seit Monaten unter Schlaflosigkeit. Sie ist müde, aber glücklich: Sie hat soeben den Schweizer Pass erhalten. «Das Interview mit der Einbürgerungskommission ist gut gelaufen. Zehn oder zwölf Personen haben mich befragt, alle waren sehr nett.» Zehn Minuten lang habe sie politische und geografische Fragen beantwortet auf die sie sich zum Glück gut vorbereitet hatte. Sie hat es geschafft! Hier fühlt sie sich sicher. Hier ist ihr Zuhause. Hier kann und will sie jetzt mitbestimmen. Und hoffentlich schon bald die Ausbildung zur Pflegeassistentin Gesundheit in Angriff nehmen.

Seit 18 Jahren lebt Sajdeh in der Schweiz, seit 2019 leitet sie – gemeinsam mit Soraya aus Syrien und Zeinap aus Eritrea – die Frauengruppe von HelloWelcome. Im Zweiwochenrhythmus finden Treffen für Frauen aus verschiedensten Ländern statt – und auch Schweizerinnen nehmen regelmässig teil: Treffen mit Frühstück, Tanz, Gesang und Diskussionen zu Alltagsproblemen. «Wir teilen Themen, Schwierigkeiten und Wissen», sagt Sajdeh. Besonders begeistert aber ist sie von den Spezialanlässen: von Kleidertausch, Sommerausflug und BeautyTag. Beim Ausflug stehen Berge und Seilbahnen im Zentrum, «weil viele von uns das so nicht kennen». Der BeautyTag ist eine Art komprimiertes Gratis-Wellnessprogramm mit Kosmetik, Coiffure, Pediküre und Maniküre. Gesichtshaare werden entfernt, Entspannungsmassagen angeboten, Zöpfe geflochten, Hände mit Henna bemalt und Augen geschminkt. Dazu gibt’s ein feines Mittagessen und jede Menge entspannte Gespräche. «Ich geniesse die Treffen mit der Frauengruppe», sagt Sajdeh. «Ich lebe alleine mit meiner Tochter Sirin, arbeite viel und habe sonst nicht viele Kontaktmöglichkeiten».

53 Jahre alt ist Sajdeh – und wenn sie von ihrem Leben erzählt, klingt das fast wie ein Horrorfilm. Im Alter von 16 Jahre heiratete sie, bekam fünf Kinder. Die Familie war wohlhabend, hatte zwei Häuser. Dann bedrohten religiöse Fundamentalisten die Familie, die Häuser wurden zerstört – und eines Tages war Sajdeh mit den Kindern alleine. Ihr Ehemann kehrte von der Arbeit nicht mehr zurück. Sie hatte Angst, liess die Kinder in der Obhut der Schwiegereltern, flüchtete in die Schweiz zu ihrer Schwester. Hier lernte sie Deutsch, heiratete einen irakischen Kurden, der davor zehn Jahre lang in Deutschland gelebt hatte, gebar 2012 einen Sohn, Sedit, und 2014 eine Tochter, Sirin. Sedit ertrank mit viereinhalb Jahren im Schwimmbad, der Vater wurde angeklagt und verurteilt, weil er die Aufsichtspflicht verletzt hatte.

Dann verschlimmerte sich die Situation, Sajdeh und ihre Tochter zogen für 40 Tage ins Frauenhaus, kamen zurück – und suchten schliesslich eine eigene Wohnung. Die Ehe wurde geschieden. Geblieben sind bis heute Drohungen, Gewalt, Anzeigen, Anwaltskosten.

Die älteste Tochter von Sajdeh starb bei einem Sprengstoffanschlag, die Versuche der beiden Söhne, in die Schweiz zu kommen, scheiterten. Auch für sie hatte Sajdeh wie eine Löwin gekämpft. Vergeblich. «Ich weiss nicht, warum in meinem Leben so viel Schlimmes passiert», sagt sie. Gläubig sei sie, rechtschaffen, liebenswürdig, kontaktfreudig und hilfsbereit. «Und trotzdem werde ich immer bestraft. Wofür?»

Sajdeh Al-Khazraji, Irak