Das Gespräch ist beendet, Reza hat erzählt, nachgedacht, erklärt. Er hat sich erinnert. Auch dann, wenn es schwierig war. Und jetzt zieht er ein weisses Kuvert aus der Tasche. «Ich habe es noch nicht geöffnet», sagt er, lächelt verschmitzt und glücklich. «Das ist mein neuer Pass. Und am Ende des Jahres werde ich in der Türkei nach acht Jahren erstmals wieder meine Mutter sehen – und sicher auch einige meiner Geschwister.»
Zehn Geschwister hat Reza, seine Eltern waren beide berufstätig, der Vater beim Militär, die Mutter in der Pflege. Die älteren Kinder mussten die jüngeren betreuen. Reza war der Jüngste. Als er 12 Jahre alt war, starb der Vater. «Das hat mein Leben verändert, vor allem vom Gefühl her. Ich habe das Vertrauen in die Welt verloren, weil ich erleben musste, dass sich die Situation von einer Sekunde zur nächsten total verändern kann.»
Danach jobbte er während der Sommerferien jeweils in der Schneiderei, um zum Familieneinkommen beitragen zu können. «Ich wollte ein wenig Druck von den Schultern meiner Mutter nehmen.» Diese Arbeit, das Schneidern, sollte ihm dann auch in der Schweiz helfen, die Krisen zu bewältigen.
Flugzeugmechaniker wollte er werden, sechs Jahre lang studierte er an der Universität. «Das Diplom habe ich nicht erhalten – dafür hätte ich Militärdienst leisten müssen.» So nützte ihm die Ausbildung auch in der Schweiz nicht, als er sich bei den Pilatus Flugzeugwerken für ein Praktikum anmelden wollte. «Zu wenig qualifiziert», hiess es. Bei der SBB schnupperte er als Gleisbauer, in Beromünster montierte er Solaranlagen – und fand dann zur Firma Trisa. Hier ist er einer von 55 Lernenden: Kunststofftechnologe im ersten Lehrjahr. 33 Jahre ist er alt, nach der Lehrabschlussprüfung will er sich noch weiterbilden, «die Arbeit gefällt mir», und dann Schritt für Schritt an seiner Zukunft bauen.
Wie so viele andere flüchtete auch Reza über die Türkei nach Griechenland, lebte in Moria, später in einer Containersiedlung in Athen, danach mit acht anderen Personen in einer Dreizimmerwohnung. Etliche Male versuchte er, Griechenland zu verlassen. Ohne Erfolg. «Ich hatte viel Pech», sagt er. Im August 2021 wurde er in Griechenland als Flüchtling anerkannt – und war damit selbstständig. Ohne Einkommen, ohne Wohnung, ohne Sozialhilfe. Er sammelte am Strand Flaschen («für 30 Stück gabs einen Jeton im Wert von einem Euro»), wollte nur noch weg.
«Ich wollte über die Schweiz nach London flüchten», erzählt Reza. Und dann wurde er krank. Das Lymphom musste streng kontrolliert werden, das war teuer, CT und Medikamente – und keine Versicherung. Eine Ärztin sagte, er solle doch in der Schweiz seine Krankheit behandeln lassen – und erst dann weiterreisen. Einen Monat lang war er in Sarnen im Spital, danach beantragte er Asyl, kam nach Chiasso, auf den Glaubenberg, nach Buttisholz. Immer begleitet von der Angst, ausgeschafft zu werden. Dann kam der Negativentscheid. «Dublin-Fall», hiess es, zurück nach Griechenland. Der gesundheitliche Zustand verhinderte die Ausschaffung, Reza war papierlos, lebte von zehn Franken am Tag. «Ich hatte fünf Jahre lang viel Belastung und Druck, keine Lebensqualität, keine Perspektive, keine Hoffnung. Vor mir türmte sich eine schwarze Wand.»
Was ihm half: Beschäftigung, Natur, Sport, Ablenkung. Und das Nähen: Reza sass tagelang alleine mit der Nähmaschine, dem Radio und den Stoffballen im hintersten Raum von HelloWelcome und quiltete Wandbehänge und Bettdecken, fertigte Geschenke für Hochzeiten und Taufen an.
«Das mache ich immer noch», sagt er. Und: «Psychische Erholung braucht viel Zeit. Aber die schwarze Wand hat jetzt Löcher bekommen.»
Reza Naemi, Iran

