Mehmet ist Stammgast im offenen Treff von HelloWelcome. Er lernt konzentriert, hilft seinen Landsleuten bei den Hausaufgaben. 35 Jahre ist er alt, ausgebildeter Soziologe, in der Türkei hat er als Lehrer und Schulpsychologe gearbeitet. Er weiss, wie er seine Kolleg*innen unterstützen und motivieren kann. «Ich kann allen helfen, nur mir selbst nicht», sagt er. Dass er die C1-Prüfung auch im zweiten Anlauf nicht geschafft hat, ärgert ihn. In der Türkei hat er die Schulen und die Universität mit Auszeichnung bestanden. Und jetzt fehlen beim Deutschtest sechs Punkte. «Ich bin sehr enttäuscht.»
Mehmet will weiterarbeiten, die Prüfung bestehen und dann an der Universität Luzern Soziale Arbeit studieren. Aber vorerst absolviert er ein Praktikum beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH. «Ich fühle mich dort sehr wohl. Die Arbeit ist abwechslungsreich und ich lerne viel Neues kennen.» Mehmet ist verantwortungsbewusst, ehrgeizig und optimistisch. Er glaubt daran, dass er sich in der Schweiz ein gutes Leben aufbauen kann, obwohl ihm sein Studienabschluss hier nichts nützt.
Aufgewachsen ist Mehmet in einer politisch aktiven Familie in Bursa, gemeinsam mit neun Schwestern und zwei Brüdern. «Ich war das sechste Kind, der erste Junge», sagt er. Zu seinen Geschwistern hat er regelmässig Kontakt. Eine Schwester lebt in Basel. Bei ihr verbrachte er die Tage, als er im Asylzentrum in Basel wohnte. Er sei total überfordert gewesen, erzählt er: so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen, so viel Schmutz, so unangenehme Gerüche. «Ich ging jeden Tag um 9 Uhr zu meiner Schwester und kam erst am Abend zurück», erzählt Mehmet. Im Zentrum habe er weder geduscht noch die Toilette benützt – und sich geweigert, die Anlagen zu reinigen. Auf Basel folgten die Unterkünfte in Rothenburg und Buttisholz, eine Männer-WG. Es sei nicht einfach gewesen. Fast wie im Gefängnis. Ohne Arbeit, ohne Ticket, ohne Geld. «Aber immerhin habe ich im Zentrum in Rothenburg die Kinder lachen gehört. Das fühlte sich fast wie ein normales Leben an.»
Mehmet ist froh, dass er unterstützt worden ist: bei «Hope» in Kriens, beim LernAtelier und bei HelloWelcome. Er ist bestens vernetzt, trifft sich mit Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Ländern. Er ist ein sportlicher Mensch, musste aber in den letzten Jahren seine Schulter zweimal operieren lassen. Jetzt ist er «vierfach verschraubt» – und hofft, dass er keinen Unfall mehr hat. Er schwärmt vom HelloWelcome-Sommerprogramm: Die Wanderung von Brissago zur Capanna Al Legn sei unglaublich gewesen, sagt Mehmet. Vier Flaschen Wein und viel Fleisch habe er raufgeschleppt. «Dann haben wir gemeinsam grilliert und gefeiert. Es war so schön!»
Mehmet Baran Yavuz, Kurdistan, Türkei

