Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit kommt Luwam zum Gespräch. «Es geht mir gut», sagt sie. Sie kommt direkt von ihrer Arbeit als Fachangestellte Gesundheit. Ein Jahr noch, dann ist die Ausbildung abgeschlossen. Die Arbeit gefalle ihr, sagt sie. «Ich überlege, ob ich noch zwei Jahre anhänge und die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF mache.» Auch ein anderes Studium könne sie sich vorstellen. Aber: «In der Pflege habe ich einen Job auf sicher», sagt sie. Das sei ein Vorteil.
Luwam lacht viel. Humor sei die einzige Möglichkeit, mit schwierigen Situationen fertig zu werden, sagt sie. Und dann verschwindet das Lachen. Sie erzählt, dass der Druck auf Geflüchtete gross ist, das Asylsystem menschenverachtend. «Am schlimmsten fand ich, Woche für Woche am Schalter Geld holen zu müssen. 70 Franken, ausgehändigt von Menschen, die jünger waren als ich.» Sie wollte studieren, arbeiten, eine Ausbildung machen. Doch sie durfte nicht. «Da wollte ich mich umbringen.»
20 Jahre alt war Luwam, als sie via Italien in die Schweiz kam. Drei ihrer sechs Geschwister leben ebenfalls hier – zwei in Lausanne, ein Bruder in Bellinzona. «Wir hatten keine Ahnung von der Schweiz», sagt sie, lacht, als sie erzählt, sie habe hier das erste Mal in ihrem Leben einen Zug gesehen. Wow, so schön, habe sie gedacht, fast wie im Flugzeug. Weniger schön war das Leben in den Asylzentren und Wohngemeinschaften. Luwam erzählt von rigiden Kontrollen, vom Mangel an Privatsphäre, von den drei Frauen, mit denen sie zusammengelebt hat.
«Ich habe viel erlebt. Und fast alles war spannend.» Nach einem Jahr durfte sie einen Deutschkurs besuchen und erhielt ein Gratisticket. Welche Freude! Sie lernte rasch Deutsch, besuchte das Brückenangebot, erhielt einen Praktikumsplatz mit Aussicht auf eine Lehrstelle. Und dann lehnte die Schweiz ihr Asylgesuch definitiv ab, machte aus der Praktikantin eine Papierlose, eine Nothilfebezügerin. Luwam war am Boden zerstört, wurde depressiv. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit seien Barbara und Markus Renggli gewesen, sagt sie. Sie nahmen sie in ihrem Haus in Meggen auf, sorgten drei Jahre lang für sie. «Erst gestern war ich zum Abendessen bei ihnen. Und wie immer durfte ich die Reste mitnehmen», erzählt sie. «Die Beiden sind das Beste, was mir in der Schweiz passiert ist.»
Ziemlich genau ein Jahr später, im Dezember 2022, wurde Luwam als Flüchtling anerkannt. Die gute Nachricht erhielt sie allerdings erst ein halbes Jahr später, Ende Mai 2023. Man habe ihre Adresse nicht gehabt, hiess es. Eine unglaubliche Behauptung … Ohne die Unterstützung von Markus Renggli hätte sie den Ausweis erst im August erhalten. «Und ohne Ausweis kein Bankkonto, kein Geld, kein Ausbildungsvertrag», sagt Luwam. Sechs Monate haben ihr die Behörden geklaut. Sechs Monate, in denen sie Anspruch gehabt hätte auf Unterstützung, in denen sie hätte arbeiten können. «Ich bete jeden Tag, dass ich all das vergesse. Aber es geht nicht.»
Nach acht Jahren in der Schweiz lebt Luwam jetzt in einer eigenen kleinen Wohnung. Es geht ihr gut. «Ich bin oft hingefallen. Aber ich stehe immer wieder auf.»
Luwam Solomon, Eritrea

