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«Der Iran ist meine Mutter, die Schweiz mein Vater.»

Am 5. Juli 2020 reiste Hossein Kavose in die Schweiz ein, am 31. Juli 2025 erhielt er die Aufenthaltsbewilligung. Dazwischen liegen fünf Jahre und ein Wechselbad der Gefühle: ein Leben, geprägt von Unsicherheit, Bangen und Hoffen, von Warten, Enttäuschung, Verzweiflung und Ohnmacht.  

Hossein lernte Deutsch, baute sich ein Beziehungsnetz auf, fand Freunde aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen. Er arbeitete als Pizzaiolo in Ruswil, begann dann im Pflegeheim der St. Anna Stiftung die Ausbildung zum Koch. Küchenchef René Küng wurde zum Vertrauten: ein verständnisvoller und motivierender Ausbildner, der Hossein förderte, wo es möglich war. Anfang 2024 bildete Hossein mit Susanne Egloff (73) eine Wohngemeinschaft, um besser und schneller Deutsch zu lernen, sich zu integrieren. «Zusammenwohnen ist nicht immer einfach», sagt Hossein. Sprache, Kultur, Gewohnheiten sind unterschiedlich, das Alter sowieso. «Susanne ist für mich wie eine Mutter.»

Hossein, fast zwei Meter gross, geboren 1992, aufgewachsen in Tehran in einer Familie mit zwei Schwestern und zwei Brüdern, die mehrheitlich von Handel und Verkauf lebte. «Die Mutter war offiziell Hausfrau – inoffiziell aber unser Joker. Sie half überall dort, wo sie gebraucht wurde», sagt Hossein und lacht. Sein eigenes Geschäft lag an einer grossen Kreuzung, mehrmals täglich kamen Lastwägen, um die Ware abzuladen, Reis, Zucker, Mehl, Gewürze. Gerechnet wurde in Tonnen, geliefert an Händler in der ganzen Stadt.

Dann demonstrierten junge Menschen gegen das Regime. Die Polizei schritt ein, mehrere Demonstranten versteckten sich in Hosseins Geschäft – und wurden festgenommen. «Mitgefangen, mitgehangen» – das galt auch für Hossein. Er hatte geholfen und hatte jetzt selbst Hilfe bitter nötig. Er musste seine Heimat verlassen.

Über Griechenland und Italien kam Hossein in die Schweiz, wohnte in der Asylunterkunft in Chiasso, dann «in fast allen Unterkünften im ganzen Kanton Luzern». Und schliesslich bei Susanne. Immer aber hing das nicht abgeschlossene Asylverfahren wie ein Damoklesschwert über Hossein. Sein Fall lag beim Bundesverwaltungsgericht. Und Hossein wartete. Und wartete. Am 21. Februar 2025 teilte ihm das Staatssekretariat für Migration mit, er müsse innerhalb eines Monats die Schweiz verlassen, per 24. März ausreisen. «Sie sind verpflichtet, bei der Beschaffung gültiger Reisepapiere mitzuwirken. Sollten Sie den Anordnungen der kantonalen Behörden keine Folge leisten, können Sie in Haft genommen und anschliessend unter Zwang in Ihr Heimatland zurückgeführt werden.»

Hossein war verzweifelt. Alle Hoffnung umsonst, die Lehre in weite Ferne gerückt, kein Anrecht auf Sozialhilfe. Ab sofort Nothilfe. Zehn Franken pro Tag, abzuholen einmal wöchentlich, das Zeitfenster definiert. Kein Geld mehr für die Unterkunft bei Susanne. Aber weder Lust noch Energie, in ein Quartier für Sans Papiers zu wechseln.

Hossein suchte Freiwilligenarbeit. Er kochte und putzte, half bei der Gartenarbeit und beim Catering, lernte Deutsch und reichte mit Unterstützung einer Juristin ein Härtefallgesuch ein. Ende Juli rief er dann alle seine Freunde an: «Hallo, hier ist Hossein. Ich habe die B-Bewilligung.» Welche Erleichterung, welche Freude, welcher Jubel.

Hossein ist glücklich. Die Ausbildung geht weiter, die Schule auch, gemeinsam mit der Koch-Nationalmannschaft der Schweiz bereitet er sich auf die nächsten Wettkämpfe vor. Seine Heimat vermisst er sehr. Alles. «Die Farbe der Türe, das Wohnzimmer, das Stadtoriginal, die Freunde, die Party, den Mitternachtssnack, das pulsierende Leben der Stadt.» Aber ein bisschen sei er schon Schweizer geworden, sagt er. Lacht. «Ich lebe in einer WG, bin pünktlich und zuverlässig; ich koche, räume auf, wasche meine Wäsche selbst. Meine Mutter staunt …»

Hossein Kavose, Iran