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«Man muss ein Ziel haben – und die richtigen Menschen finden, die helfen können.»

Hava versteht Hochdeutsch. «Aber sprechen kann ich noch nicht so gut», sagt sie auf Dari, Reza übersetzt. Er ist ein Freund der Familie Hosseini, immer zur Stelle, wenn die deutschen Worte fehlen.

Lange prägte Sprachlosigkeit das Leben von Hava in der Schweiz. «Kopf kaputt», war einer der Ausdrücke, die sie oft gebrauchte. Vor allem dann, wenn sie wieder ins Kantonsspital eingeliefert worden war, wegen massiver Depression stationär behandelt werden musste. Im Spital schloss sie Freundschaften mit Leidensgenossinnen, tankte Kraft – und nahm den Alltag mit neuer Energie in Angriff. Jetzt fühlt sie sich sicher und stark. «Meine vier Kinder haben eine gute Zukunft», sagt sie. Ausschaffung, Gewalt und Demütigungen will sie vergessen. Möglichst schnell vergessen.

Hava stammt aus Afghanistan, heiratete im Alter von 15 Jahren Abbas Hosseini, bekam vier Kinder, der älteste Sohn lebt in Schweden. Ehsan, der Jüngste, wurde bereits im Iran geboren. Als er zwei Jahre alt war, flüchtete die Familie über die Türkei nach Griechenland, Bosnien und Kroatien in die Schweiz. An der kroatischen Grenze erlebte sie massive Gewalt. Die Familie musste sich nackt ausziehen, ihre Kleider wurden verbrannt, sie selbst von der Grenzpolizei geschlagen und von Hunden durch den Wald gejagt.

Die Schweiz zeigte sich von diesem Schicksal unbeeindruckt. Drei Jahre lebte die Familie in Beromünster, die Kinder besuchten die Schule. Aber Hosseinis waren «Dublin-Fälle», «zurück nach Kroatien», hiess es, Gewalterfahrung hin oder her. Der Negativentscheid wurde zugestellt, das Ausreisedatum festgelegt. Die drohende Ausschaffung hing wie ein Damoklesschwert über Hava, der es psychisch immer schlechter ging. In einer Nacht- und Nebel-Aktion wurden Mutter und Söhne von der Polizei abgeholt. Vater und Tochter (sie war nicht zuhause, als die Polizei in der Nacht kam) blieben in der Schweiz.

Auf dem Transport zum Flughafen wurde Hava ohnmächtig, an den Flug nach Kroatien mag sie sich nicht erinnern. Im Camp in Zagreb erhielt sie keine medizinische Hilfe, es fehlte an gesundem Essen und Schlafplätzen. So flüchtete Hava mit ihren Kindern mit Zug und Bus wieder in die Schweiz. Und musste erneut ins Spital eingeliefert werden. Das Solinetz Luzern lancierte eine Petition «Bleiberecht für die Familie Hosseini», Freunde aus Beromünster und von HelloWelcome halfen, eine Anwältin wurde eingeschaltet. Und dann passierte das, woran niemand mehr geglaubt hatte: «Die Fingerprints in Kroatien wurden gelöscht.» Hava durfte in der Schweiz einen Asylantrag stellen und erhielt aufgrund der geänderten Asylpraxis (ab Sommer 2023 wurden weibliche Asylsuchende aus Afghanistan sowohl als Opfer diskriminierender Gesetzgebung als auch religiös motivierter Verfolgung betrachtet) den Flüchtlingsstatus. Ihr Mann und ihre drei Kinder bekamen via Familiennachzug kurz danach ebenfalls den B-Ausweis.

Die Familie ist jetzt sicher, die Eltern besuchen Sprachkurse, Schule und Ausbildung der Kinder gehen weiter. Der Mut hat sich gelohnt, das Ziel ist erreicht. Und Hava ist, mit 41 Jahren, endlich in Sicherheit. «Die Angst ist weg.»

Hava Hosseini, Afghanistan