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«Ich würde sehr gerne Zivildienst leisten.»

Hassan ist 55 Jahre alt, ausgebildeter Lehrer. Er stammt aus einem kleinen jesidischen Dorf im Norden des Irak. 72 seiner Verwandten wurden von Anhängern der Terrormiliz «Islamischer Staat» gekidnappt. «Einige der Verschleppten fanden wir in Massengräbern, etwa 25 Frauen und Kinder konnten gerettet werden, der Rest wird immer noch vermisst.»

Der Jeside erzählt von der Verfolgung seines Volkes fast beiläufig, am Ende des Gesprächs. Er selbst flüchtete 2017, kam via Türkei und Italien in die Schweiz, «drei Tage und drei Nächte auf einer Fähre, versteckt in einem Lastwagen, ohne Essen und ohne Wasser». Nach einem Abstecher nach Deutschland – «nach vier Monaten wurde ich verhaftet und in die Schweiz zurückgeschickt» – reiste er im Februar 2018 erneut in die Schweiz ein, stellte ein Asylgesuch. Dass er als Flüchtling anerkannt würde, war keine Frage. «Zwei Wochen bis maximal zwei Monate wird es dauern, sagte man mir beim Interview». Ein Irrtum. Hassan musste warten. Erst nach dreieinhalb Jahren erhielt er den Ausweis F, nach weiteren sechs Monaten die Aufenthaltsbewilligung B.

Hassan ist Lehrer mit Leib und Seele. 12 Jahre lang unterrichtete er Jugendliche, lehrte Mathematik und Physik, erklärte. 40 Personen sassen jeweils in der Klasse, Hassan war zusätzlich stellvertretender Schulleiter. Ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Dann musste er flüchten – «ein Freund rief mich an und sagte, ich müsse das Land verlassen, sofort. JETZT.» Er kam in die Schweiz. Er hatte alles verloren, Ausbildung, Erfahrung und Talente nützten nichts. Und auch seine sprachlichen Fähigkeiten – Arabisch, Kurdisch, Englisch – waren nicht gefragt.

Bei HelloWelcome unterstützt er beim Deutschlernen, beim Kanton Luzern ist er als Klassenassistent angestellt, unterrichtet junge Erwachsene. Sehr gerne würde er in einem der Gymnasien in der Zentralschweiz unterrichten. Das Problem sei die Sprache, sagt er, Niveau B2 reiche nicht. Zudem werde sein Zertifikat in der Schweiz nicht anerkannt. «Und auch das Alter ist ein Problem.»

Trotzdem: Hassan gibt nicht auf. Akribisch sucht er immer wieder nach Weiterbildungsmöglichkeiten, Stelleninseraten. «Gerne würde ich auch Zivildienst leisten und der Schweiz auf diese Art etwas zurückgeben», sagt er. Das könne nämlich auch zur Integration beitragen. Aber seine Abklärungen haben ergeben, dass das nicht möglich ist.

Die Berufserfahrung von Hassan ist vielfältig: Neben seiner Tätigkeit als Lehrer arbeitete er im Irak als Buchhalter, als selbstständiger Schuh- und Lebensmittelhändler, als Radiotechniker; in der Schweiz war er in einem Autohaus angestellt, im Bundesasylzentrum auf dem Glaubenberg wirkte er als Betreuer. «Ich habe immer gearbeitet», sagt Hassan. Untätigkeit liege ihm nicht.

Aktuell absolviert Hassan eine Weiterbildung für Schulassistenzen an der Pädagogischen Hochschule Zürich, verbessert parallel dazu seine Deutschkenntnisse. Und er engagiert sich bei HelloWelcome: im Garten, beim Catering, im offenen Treff.  

Und schon präsentiert er strahlend eine neue Idee: 2026 will er sich als Imker versuchen, sagt er, habe bereits einen Unterstützer, einen Verbündeten gefunden. «Ich bin optimistisch», sagt Hassan. Und, wer weiss: Vielleicht gibt’s schon bald HelloWelcome-Honig …

Hassan Ajaj, Irak