#

«Ich brauche keinen Terminkalender. Ich habe alles im Kopf.»

Am 22.2.2022 begann die «Schweizer Geschichte» von Hanan. 18 Jahre alt war sie, geflüchtet aus Äthiopien über den Sudan, Libyen und Italien. Sie landete in Basel, wurde nach St. Gallen transferiert. Von November 2022 bis Mai 2023 besuchte Hanan die Integrationsförderklasse an der Gewerbeschule St. Gallen, lernte Deutsch, Mathematik und den Umgang mit dem Computer. 15 Monate nach ihrer Ankunft bestand sie die B1-Sprachprüfung mit der Note «gut». Da war sie bereits schwanger, ihre Tochter Sena kam im August 2023 zur Welt.

Im September 2024 zog Hanan zu ihrem Freund nach Luzern – und meldete sich im Brückenangebot an. Von ihrer Zukunft hat sie konkrete Vorstellungen: Die Bereiche Informatik, Technik und Wirtschaft kommen in Frage, sagt sie: «Ich bin gut in Mathematik und im logischen Denken.» Auch Tiere liebt sie, «schnuppert» deshalb als tiermedizinische Praxisassistentin. Daneben sammelt sie Erfahrungen in den Berufsalltagen einer Laborantin, einer Fachfrau Gesundheit – und aktuell macht sie ein Praktikum als Verkäuferin in einer Confiserie.

«Die Lehrstelle als Laborantin habe ich nicht erhalten. Im Feedback ist gestanden, ich sei nicht interessiert gewesen. Dabei war ich sehr interessiert, habe viele Fragen gestellt, mich extrem angestrengt.» Die negative Bewertung ärgert Hanan. «Sie sollen schreiben, ich könne die Sprache nicht gut genug, verstehe den Luzerner Dialekt nicht. Aber dass ich kein Interesse habe, stimmt einfach nicht.» Hanan sagt, als Frau mit Migrationshintergrund sei es nicht einfach, eine Lehrstelle zu finden, Fachkräftemangel hin oder her. «Wir müssen immer besser sein als die Schweizer Mitbewerberinnen. Sonst bekommen die Einheimischen die Stellen.»

Anfang September 2025 absolvierte sie die B2-Sprachprüfung. «Es ist mir sehr gut gegangen, sagt sie». Schon die erste Prüfung sei einfach gewesen. Sie spricht Amharisch, Oromo, Englisch und Deutsch. Und will jetzt den Schweizer Dialekt erlernen, um sich noch besser integrieren zu können. «Dann sind hoffentlich auch die Rückmeldungen besser», sagt sie.

Aufgewachsen ist Hanan in einer äthiopischen Kleinstadt mit ihren Eltern und einem Bruder. Sie alle leben weiterhin in Äthiopien, während Hanan in der Schweiz an einer Zukunft für sich und ihre kleine Familie arbeitet. «Wenn du hier alle Papiere hast, kannst du viel machen.» Hanan hat eine vorläufige Aufnahme, also Ausweis F. Und damit nicht viele Möglichkeiten. Doch sie bleibt positiv. Sie arbeite viel, sagt sie, «das Kind versorgen, kochen, waschen, putzen, das Praktikum absolvieren, die Schule besuchen, lernen». Da bleibt wenig Zeit für ihre Hobbies, das Malen, das Lesen und das Velofahren. Vier Tage pro Woche besucht Sena die Kita, dann ist Hanan in der Schule oder macht Hausaufgaben. Und regelmässig arbeitet sie an ihrer Fitness. «Das ist mir sehr wichtig.»

«Ich lerne gerne, bin zuverlässig und pünktlich», sagt Hanan. Und das, obschon sie keinen Terminkalender besitzt. «Ich habe alle Termine im Kopf – und vergesse nie etwas.»

Hanan Abdu Esays, Äthiopien