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«Ich habe überlebt. Jetzt schenke ich Hoffnung.»

Hamayoun kommt von der Arbeit der Firma Multireflex AG. Hier absolviert er die Ausbildung zum Print-Medientechnologe, soeben hat er das vierte und letzte Lehrjahr in Angriff genommen. Seine persönliche Situation ist stabil, 2023 wurde sein Härtefallgesuch bewilligt. Seitdem ist er als Flüchtling anerkannt.

Weniger stabil ist die Situation in seinem Herkunftsland. Einige Tage vor unserem Gespräch hat die Erde im Nordosten des Landes gebebt, mehr als 2200 Menschen sind ums Leben gekommen, viele wurden verletzt. «Getroffen hat es einmal mehr die Kinder, Mädchen und Frauen», stellt Hamayoun fest. «Sie wurden zu Opfern, weil sie in den Häusern waren, als diese eingestürzt sind.»

Seit zwei Jahren engagiert sich Hamayoun im Verein Afghanistanhilfe, einer NGO, die Vreni Frauenfelder 1988 gegründet hat. Sie realisiert in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnern Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Armutsbekämpfung und Nothilfe. Hamayoun findet es richtig, dass sich der Verein weiterhin für die Menschen in Afghanistan einsetzt. «Wir haben über viele Jahre Waisenhäuser, Schulen und Spitäler aufgebaut. Das können wir nicht einfach fallenlassen, nur weil die Taliban an der Macht sind.»

Auch Hamayoun lässt sein Land nicht im Stich. In der Provinz Ghazni, Region Jaghori, wo er aufgewachsen ist, hat er im Oktober 2023 eine Mädchenschule gegründet. An die etwa 70 Mädchen und Frauen (und Jungen) besuchen sie. Finanziert wird sie durch Spenden aus der Schweiz. Hamayoun organisiert Benefizveranstaltungen, hält Reden, informiert bei Treffen des Rotary-Clubs, verkauft beim Frauenstreik afghanisches Essen. Die Geldbeschaffung sei aufwändig, sagt Hamayoun. «Aber viele Menschen hier helfen mit. Das freut mich extrem.»

Aufgewachsen ist Hamayoun in einem kleinen Dorf. Er absolvierte Grundschule und Gymnasium, studierte Politikwissenschaften, wechselte aus finanziellen Gründen zum Militär. «Schon damals waren mir Frauen- und Menschenrechte, Bildung und Sicherheit sehr wichtig», sagt er. Hamayoun flüchtete über den Iran in die Türkei. Und von dort mit einem Schlauchboot nach Griechenland. «45 Personen waren an Bord, viele Kinder mit den Familien. Der Schlepper zwang mich, das Ruder zu übernehmen. Damals konnte ich nicht schwimmen, hatte noch nie so viel Wasser gesehen.» Doch es funktionierte. Das Boot landete sicher in Lesbos, die Kinder bedankten sich bei «Kapitän Hamayoun». Er erzählt vom schrecklich überfüllten Camp in Moria, von der gefährlichen Flucht unter dem Lastwagen nach Bari, von der Ankunft in der Schweiz.

Seit 2018 lebt Hamayoun in Luzern. Zwei Jahre musste er auf den F-Ausweis warten. «Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich hatte alles wahrheitsgetreu erzählt, lebte in einem freien Land – und hatte trotzdem keine Rechte und keine Möglichkeit, mich um meine Zukunft zu kümmern.» Hamayoun begann bei HelloWelcome und im LernAtelier Deutsch zu lernen, nahm an Aktivitäten teil, engagierte sich beim Jugendrotkreuz, wurde zum Brückenbauer.

Die Mädchenschule, so hofft er, soll seinem Heimatdorf wieder die Lebendigkeit zurückbringen, die es unter der Herrschaft der Taliban verloren hat.

Hamayoun Lali, Afghanistan